Vor einiger Zeit habe ich die Biographie von einem Mann gelesen, den ich seit jeher zu einem meiner größten Vorbilder zähle. Aus einem seiner Predigten ist auch folgendes Gebet überliefert, dass mich immerhin so weit beeindruckte, es Wort für Wort auf PC abzutippen.
Dem ein oder anderen von Euch mögen seine Worte womöglich langatmig und unspektakulär daherkommen. Vielleicht beeindruckt Euch aber auch die inbrünstige Drangsal des Beters, jenes zerrende Verlangen nach dem Herrn der Herrscharen, welches sich nicht ablenken lässt von Schöpfung, Schönheit und dergleichen mehr, sondern allein Ausschau hält nach dem Schöpfer und seiner Schönheit.
„O, Herr, mit dir will meine Seele sprechen[...], o Herr der Herrscharen, wie lieblich sind deine Wohnstätten! O Herr der Herrscharen – nicht zu dir spreche ich, Erde, denn du bist nicht der Herr der Herrscharen; nicht zu dir spreche ich, Wasser, denn du bist nicht der Herr der Herrscharen; nicht zu dir spreche ich, Luft, du bist nicht der Herr der Herrscharen; ich spreche nicht zu dir, Feuer, du bist nicht der Herr der Herrscharen; ich spreche nicht zu dir Himmel, du bist nicht der Herr der Herrscharen; ich spreche nicht zu euch, Engel, ihr seid nicht die Herren der Heerscharen; ich spreche nicht zu dir, Sonne, nicht zu dir, Mond, ihr seid nicht die Herren der Heerscharen; ich spreche nicht zu dir, Reichtum der Erde, nicht zu euch, Ehren und Stände, nicht zu irgend etwas dieser Welt, ihr seid nicht der Gott der Heerscharen! Keiner von euch hat die Herrscharen geschaf-fen – deshalb spreche ich zu keinem von euch, denn ihr seid nicht die Herren der Heerscharen.
So spreche ich denn zu dir, Herr der Herrscharen! Ich gehe auf die Suche nach dir, Herr, der du die Herrscharen erschaffen hast, hervorgebracht hast die Himmel und dieses Universum. Du hast allem das Sein gegeben, du bist der erste Beweger, du der Urbeginn von allen Dingen, dich suche ich, Herr der Herrscharen. Du bist Schöpfer und Lenker der ganzen Welt. Ich gehe auf die Suche nach dir, meine Liebe, ich suche dich, der du mich geschaffen! O Feuer meines Herzens, wo bist du? Wie werde ich dich finden? Mein Herr, ich gehe auf die Suche durch den Himmel, die Erde, das Wasser, durch die Luft und das Feuer, durch alles. Ich gehe auf die Suche nach dir, mein Geliebter, der du mir das Herz verwundet hast. Dich suche ich, der du mich nach meinem Bild ge-schaffen hast. Wo bist du, mein Geliebter? Wo wohnst du? Wohnst du etwa in den Wohnstätten, wie hier der Psalm sagt, da deine Wohnstätten so lieblich sind? So poche ich an diese Wohnstätten und ich will suchen, wo du wohnst. – Sag mir, Herr der Herrscharen, wo wohntest du, bevor du in die Welt kamst, um die Sünder mit deinem Blut zu erlösen? Du wohntest, Herr, in dir selbst, du wohntest an unzugänglichem Ort[...], den niemand je gesehen hat, noch sehen kann.
Ich gehe auf die Suche und sage: Herr, bist du vielleicht in jenen Wohnstätten der Geschöpfe? Wenn du nicht in jenen Geschöpfen wärest, könnten sie nichts ausrichten, denn ohne dich geschieht nichts. Ich klopfe an diese und jene Wohnstätten, ich schaue und betrachte den Mann und die Frau, die von außen so schöne Wohnstätten sind, und ich sage: Woher kommst du, solche Schönheit? Vielleicht bist du hier, Herr, hier, in diesen Wohnstätten? Aber wenn ich dann – entfernt sich die Seele des Mannes oder der Frau, hinschaue – o, wie hässlich sind dann jene Wohnstätten! So überlege ich denn und sage: Vielleicht wohnst du in jenen Seelen – diese müssen deine Wohnstätten sein! Ich überlege mir auch, wie schön die Seele sein muss, denn wenn der Leib, dessen Form sie ist, so schön ist, muss sie noch viel schöner als der Leib sein, um wie viel schöner muss aber ihr Schöpfer sein!
O mein Herr, o mein Geliebter, wie schön musst du sein! Du hast so viele Wohnstätten geschaffen, so viele Ordnungen von Engeln, Erzengeln, Cherubim, Seraphim, so viele Ordnungen und Wohn-stätten von Märtyrern, Bekennern, von Jungfrauen und Vermählten! O wie lieblich und schön sind diese deine Wohnstätten, weil du unendlich schön bist, du, o wie gut, weil du sie bewohnst, du, der du die höchste Güte bist. Und wenn diese leiblichen Geschöpfe des Universums so schön sind, um wie viel schöner müssen die geistigen Geschöpfe und die Engel sein, die mit dir im Himmel sind!
Und auch wahrhaft wunderbar, Herr, kommen mir jene Wohnstätten vor, die du auf Erden hast, und die zum Kampf bestimmt sind. Ich schaue auf all diese Klöster, wo sich deine Diener aufhalten, die du zu deiner Wohnstatt und zu deinen Streitern machen willst. Ich sehe, wie schön sie sind, sie, in denen du Wohnsitz nehmen willst. Und ich überlege, um wie viel schöner deine eigene Wohn-stätte sein muss. Ich sehe sie alle, vereint in einem Herzen und einer Seele, diese deine Wohn-stätten, die zum Kampf auf Erden bestimmt sind. [...] Siehe, wie gut und erfreulich ist es, wenn alle deine Brüder und alle deine Wohnstätten in einer Liebe vereint zusammenwohnen! Um wieviel herrlich ist es, welch größere Freude noch, dich zu sehen! O mein Herr, o mein Teurer und Gelieb-ter, meine Seele vergeht vor Liebe nach dir, verliebt ist sie in dich, trunken und närrisch nach dir. Ich schmachte dahin, brenne vor Liebe, [...] nimm, hebe meine Seele weg von dieser Welt, sie kann nicht mehr hier weilen. [...] Es schmachtet meine Seele im Vorhof des Herrn, denn meine Seele weilt nicht mehr in mir, sie ist außerhalb von mir. Meine Seele, wohin bist du gegangen? Und wo wohnst du? Sie weilt in deinem Innern, Herr, in deinen Wunden, in deiner Liebe, und deswegen vergeht sie [vor Liebe] im Vorhof des Herrn. Der Vorhof ist weit und bedeutet die Fülle der Liebe Christi, und so vergeht meine Seele und schmachtet dahin in dieser Fülle von Leidenschaft und Liebe, die bis zu den Feinden reicht…



